Die hausgemachte Rezession

Di, 20. August 2019

Ökonomen, Marktbeobachter, Medien – alle sprechen von einer kommenden Rezession in Deutschland. Ein wesentlicher Indikator: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im zweiten Quartal 2019 um 0,1 % gegenüber dem ersten Quartal geschrumpft. Zum Vergleich: In Nachbarländern wie Frankreich und Italien wuchs das BIP in diesem Zeitraum.

Natürlich ist die große Exportabhängigkeit der deutschen Industrie ein wichtiger Grund für diesen Rückgang. Angesichts des Handelsstreits zwischen den USA und China sowie der weltweit schwächelnden Konjunktur sinken die Exporte derzeit kräftig. Von weitaus größerer Tragweite ist jedoch, dass Deutschland den digitalen Wandel immer noch verschläft.

 

Breitbandausbau? Fehlanzeige!

 

Nach wie vor liegt Deutschland im Ausbau des Glaserfasernetzes im Vergleich der OECD-Staaten weit abgeschlagen – nur 3,2 % der Breitbandanschlüsse waren Ende 2018 gleichzeitig Glasfaseranschlüsse, die eine rasant schnelle Datenübertragung ermöglichen. In Südkorea lag dieser Anteil bei über 80 %, in Spanien bei rd. 58 % und sogar Länder wie Ungarn und die Slowakei wiesen fast zehnmal mehr Glasfaseranschlüsse als Deutschland auf. Ein trauriges Bild für eine Industrienation.

Der Präsident des Industrie- und Handelskammertags monierte bereits 2017, dass die Internetanschlüsse von 28 % aller Unternehmen in Deutschland nur eine Datenübertragungsrate von weniger als 50 Megabit aufwiesen. Von Unternehmen, die auf schnelles Internet angewiesen sind. Das beeinträchtigt die Konkurrenzfähigkeit deutscher Betriebe ungemein.

 

Digitalisierung darf nicht nur Chefsache sein

 

Doch nicht nur an den technischen Voraussetzungen mangelt es, auch die Digitalisierungsprozesse in den Unternehmen kommen nur schleichend voran. So ist der Digitalisierungsindex Mittelstand, erhoben von techconsult und der Telekom, 2018 gegenüber dem Vorjahr branchenübergreifend zwar von 54 auf 55 Punkte gestiegen, doch bei 100 Punkten, die ein Unternehmen maximal für die Umsetzung der Digitalisierung in allen abgefragten Handlungsfeldern (z. B. Produktivität, Kundenbeziehungen) erreichen kann, ist viel Luft nach oben. Hinzukommt, dass in 66 % der Unternehmen die digitale Transformation nach wie vor Chefsache ist. Und genau das ist der Haken.

Digitalisierung kann nicht nur Chefsache sein. Oft haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Unternehmens eine konkretere Vorstellung davon, welche digitale Unterstützung sie benötigen, um effektiver zu arbeiten (Stichwort: Chatbots in der Kundenbetreuung). Viele Chefs sehen zwar das große Ganze, doch diese Feinheiten der Digitalisierung bleiben auf der Strecke. Andere glauben bereits, in ihrem Unternehmen sei die digitale Transformation abgeschlossen, weil (fast) alle Mitarbeiter über einen PC mit Internetanschluss verfügen. Dabei bedeutet digitale Transformation so viel mehr. Zwei Beispiele: In der Produktion lassen sich Routineaufgaben automatisieren. Im Verkauf geht der Trend zu personalisierten Produkten, die sich die Kunden etwa über einen Konfigurator zusammenstellen.

 

Vorschläge einbeziehen

 

Bei der Flut von digitalen Neuerungen können mittelständische Unternehmer gar nicht durchgängig auf dem aktuellen Stand sein. Sie brauchen Menschen, die Ideen haben, wie sich Prozesse durch digitale Veränderungen vereinfachen, beschleunigen, verbessern lassen, oder die mitteilen, was derzeit nicht rund läuft. Und wer ist dafür besser geeignet als die Mitarbeiter, die wissen, wie sich die Arbeit erleichtern lässt oder was die Kunden vermissen? Die Umsetzung von Vorschlägen ist dann Sache der IT, der Entwicklungsabteilung oder die eines Dienstleisters.

 

Natürlich ist die Einbeziehung der Mitarbeiter bei der Digitalisierung kein Allheilmittel gegen eine konjunkturelle Krise, natürlich hilft auch die Sicht von außen (z. B. durch eine IT- oder Unternehmensberatung), Fehler aufzudecken und neue Lösungen zu finden. Doch sind Angestellte und Arbeiter besonders interessiert daran, dass es dem Unternehmen gut geht. Denn ihre Arbeitsplätze hängen davon ab. Deshalb sollten Chefs ihren Mitarbeitern zuhören. Auch im Digitalen – und besonders in Zeiten einer (möglichen) Rezession.

 

 

Autor: Nora Heer

Dieser Artikel wurde zuerst auf www.lead-digital.de veröffentlicht.

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